Ein Jahresauftakt über radikale Neugier, die Konzentration aufs Wesentliche – und Herkunft, die sich nicht verkleidet.
Es ist kurz vor 14 Uhr. Silvester. Gleich machen sie zu, danach geht nichts mehr. Ich stelle das Auto einfach direkt vor den Laden – falsch, egal. Drei Minuten bleiben noch, um schnell eine Flasche zu holen. Als ich aus dem Wagen steige, merke ich sofort: Die Hektik hätte ich mir sparen können.
In einem der kleinen Epizentren für Genuss und Lebensfreude in Flingern läuft längst etwas anderes. Keine Kaufhektik, sondern eine laute, trubelige Mischung aus Party und Verkostung. Menschen stehen dicht beieinander, probieren Naturweine und Champagner, reden durcheinander, lachen, bewegen sich im engen Raum wie in einem Strom, der nie ganz zum Stillstand kommt. Ein Publikum, das Genuss ernst nimmt, aber ohne Schwere. Ein Hauch Boheme, viel Leichtigkeit. Chez Olivier an einem frühen Nachmittag.
Ich atme durch und trete ein. Mein erster Impuls: direkt zum Weinregal, den Trubel ausblenden, schnell ein, zwei Flaschen greifen und wieder raus. Ich tauche gerade in die Reihen ein, als ich hinter mir meinen Namen höre: „Guido.“ Ich drehe mich um, wir umarmen uns zur Begrüßung, lachen. Kilian stellt mir seine Freundin vor, zum ersten Mal begegnen wir uns. Und in dem Moment ist es vorbei mit der Eile. Wir sind sofort beim Thema: die Welt der Weine, des Genusses – das Thema, über das wir uns kennen und schätzen gelernt haben. Eine vertraute Tür, die sich sofort öffnet.
Ich schaue mich um. Von Krise keine Spur. Nicht die geringste Andeutung der wirtschaftlichen Unsicherheiten, über die überall gesprochen wird. Auch nichts von den geopolitischen Verwerfungen, die unseren Alltag eigentlich begleiten müssten. Und nichts von der KI-Revolution, die ganze Berufszweige infrage stellt und unsere Arbeitswelt tief verändert. Hier drinnen ist davon nichts zu spüren. Kein Schatten, kein Druck, nicht einmal dieses Gefühl eines Hintergrundrauschens. Als gäbe es zwei Wirklichkeiten, die sich nur zufällig berühren.
Mir kommt eine Filmszene in den Kopf. Für einen Moment fühle ich mich wie im Tanzsaal der Titanic. Nicht das große Drama, kein plötzlicher Untergang – eher dieser kurze, irritierende Zwischenraum, in dem alle noch tanzen, obwohl längst etwas im Gange ist. Draußen verschiebt sich die Welt, drinnen zählt nur dieser Augenblick. Ein seltsamer Gleichlauf, der sich erst später als Vorzeichen lesen lässt.
Während ich dort stehe, merke ich, wie sich das Jahr 2025 in mir meldet. Ein Jahr, das sich merkwürdig unwirklich anfühlt, schnell vorbei und doch schwer. Vieles hat sich verschoben, manches ist gekippt – persönlich wie beruflich, gesellschaftlich wie politisch. Entscheidungen, die früher selbstverständlich waren, stehen heute im Nebel. Statt klarer Linien: Abwarten. Auf Sicht fahren. Und die Folgen spürt man überall – in der Zurückhaltung beim Konsum, in vorsichtigeren Investitionen, in einer Art kollektiver Lähmung. Restaurants verschwinden, Betriebe geben auf, Angebote lösen sich leise vom Markt. Und während ich dort stehe, frage ich mich: Was bedeutet all das für die Welt des Genusses? Für Foodies, Weinnerds, für Menschen wie mich, die nach Momenten suchen, die bleiben?
Was darf ich dir einschenken? Neugier.
Die Scheiben sind beschlagen. Nur schemenhaft zeichnet sich ab, was im Inneren passiert. Bangers by the Glass heißt das Format. Ich wollte kurz vorbeischauen in der Wyno. Zu verlockend war der Gedanke, once-in-a-lifetime-Weine by the glass zu probieren. Und dabei drei junge Influencer-Rockstars der Naturwein-Szene aus dem Ländle rund um Milton Sydney Curtis einmal live zu erleben.
Ich öffne die Tür. Die Stimmung ist ähnlich wie zuvor bei Chez Olivier beschrieben: ausgelassen, euphorisch, voller Energie. Ich ergattere den letzten Platz an der Theke. Glück gehabt. Musti registriert mich, ein Lachen – und sofort die Frage: Was darf ich dir einschenken? Ich begebe mich voll in Mustis Hand, wie so häufig, und er überrascht mich natürlich. Andreas Tscheppe, Blaue Libelle, Sauvignon Blanc, Südsteiermark. Glücksgefühle. Eine wahre Offenbarung. Und die Antwort auf die nicht gestellte Frage, warum ich gerade hier bin.
Der Abend nimmt seinen Lauf. Gespräche entstehen. Der Nachbar links neben mir: Arzt, in der City lebend. Genussmensch. Auf der Suche nach den Erlebnissen, die bleiben. Das jüngere Pärchen rechts: aus der verbotenen Stadt kommend, aber häufig in der Düsseldorfer Gastro- und Weinszene unterwegs. Vielleicht ist das Angebot hier doch nicht so schlecht wie beim ewigen Rivalen rheinaufwärts. Sie kennen sich aus, lieben die gleichen Läden wie ich. Ein kurzweiliges, leichtes Gespräch ergibt sich.
Hinter der Theke eine kleine Szene. Irgendwie werden die Jungs aus dem Ländle, die heute den Service dominieren, auf mich hingewiesen. Ich bekomme nur mit, wie Musti zu einem sagt: „Der ist verwöhnt.“ Was so viel heißt wie: Der hat schon das eine oder andere Glas geleert. Und er lächelt frech zu mir rüber, weil er genau weiß, dass ich es gehört habe. Ich mag dieses liebevolle Frotzeln mit Musti.
Ich komme mit den Jungs ins Gespräch. Sie mischen die Weinszene gerade ordentlich auf – mit einer komplett anderen Näherung an das Thema Wein und Genuss. Kein Status, kein Chichi, kein elaboriertes Weinwissen, das an einen Oberstudienrat erinnert. Unverfälschter Blick. Jung. Frech. Regelnbrechend. Bewusst provozierend. Es geht ihnen nicht darum, Tradition zu verwalten, sondern Grenzen zu verschieben. Neues zu probieren. Altes infrage zu stellen.
Im Gespräch lerne ich andere Persönlichkeiten kennen als die, die ich über Social Media wahrgenommen habe. Da ist etwas, das uns alle im Raum eint: der Spaß am Genuss. Die Suche nach dem ultimativen Erlebnis. Nicht weil das Etikett oder der Name des Winzers es verlangt, sondern weil Überraschung, Experiment und Horizonterweiterung gerade die treibende Kraft sind.
Die Jungs schenken mir den Abend über ein, ohne dass ich immer vorweg weiß, was ich trinken werde. Es geht um gemeinsame Genusserlebnisse, um Offenheit. Wenn es nicht so überhöht klingen würde, würde ich es die Suche nach dem heiligen Gral nennen.
Und dann ein Augenblick, der mich leise werden lässt. Rotwein aus dem Ländle. Egal ob Lemberger aka Blaufränkisch oder Spätburgunder. Ob mittlerweile etablierte Shootingstars wie Lassak oder funky Hotspots wie Kleines Gut – Rotwein aus dem Ländle wird bei mir in Zukunft seinen festen Platz haben. Ich hatte eine Ahnung, dass dort was passiert. Aber die paar Schluck an dem Abend waren für mich augenöffnend.
Für mich eine der Strömungen, die uns 2026 begleiten werden: Es geht nicht mehr darum, einer Brand zu folgen, einem Namen oder aus Statusgründen einen Wein zu trinken, einen Ort zu besuchen oder ein Produkt zu kaufen. Es geht um die radikale Neugier. Um das Lustprinzip. Um das mutige Abweichen von gewohnten Pfaden.
Terroir pur. Handschrift.
Sommer 2023. Am Rande der schmucklosen Küstenstraße zwischen Grottammare und Cupra Marittima. Die Marken. Toskana für Arme – wie Uli Swidler diesen von mir so geliebten Teil Italiens einmal nannte. Rechts das blau schimmernde Meer, die Abendsonne darin gespiegelt. Links ein undefinierbarer Streifen aus Parkplätzen, leerstehenden Häusern und einem langsam beginnenden Wohngebiet, das in die sanft ansteigenden Hügel übergeht.
Wir kommen direkt vom Strand, gespannt auf das über die Raisin-App entdeckte Restaurant und den Abend. Ich bin skeptisch. Kann hier etwas sein, das auch nur ansatzweise besonders ist? Ich parke den Wagen, und wir gehen den staubigen, kaum befestigten Weg hinauf zum Restaurant.
Oben angekommen, öffnet sich ein Innenhof, der idyllischer nicht sein könnte. Keine große Inszenierung. Stilvolle Tische mit Natursteinplatten, Kiesboden, zurückhaltende Details. Die einfache, puristische Architektur der umgebenden Gebäude. Und als Abgrenzung zum Abhang mediterrane Vegetation, die immer wieder den Blick auf das vor uns liegende Meer freigibt.
Die Bedienung kommt und begleitet uns zu unserem wundervoll eingedeckten Tisch. Uns erwartet ein Set-Menü. 42 Euro für sieben Gänge. Ich bin baff. In Deutschland undenkbar. Dazu alles aus eigenem, biologischem Anbau oder von Lieferanten, die Nachhaltigkeit leben. Dann die Weinkarte: keine Flasche dreistellig, vieles zwischen 20 und 40 Euro. Natürlich auch hier mindestens organic, wenn nicht natural.
Ich lächle. Still und leise vor mich hin. Meine Tochter sieht es und lächelt zurück. Wir wissen beide, dass ein wundervoller Abend auf uns wartet.
Das Menü ist ein Feuerwerk. Kein Chichi, kein Türmchenbau auf dem Teller. Produktzentriert, ohne Nebenkriegsschauplätze. Die Aromen der Hauptprotagonisten tragen jeden Gang. Die Frische und die handwerklich perfekte, auf Effekte verzichtende Zubereitung lassen mich ein ums andere Mal neu entdecken, wie ein Produkt schmecken kann, wenn alles stimmt. Eine Küche, die nichts kaschiert. Nichts übertüncht. Nichts versteckt. Sie zeigt, was da ist – und hat genug Vertrauen in die eigenen Zutaten, um sie nicht verkleiden zu müssen.
Nach wie vor habe ich den Geschmack jedes einzelnen Gangs auf der Zunge. Unlöschbar in meinem kulinarischen Gedächtnis gespeichert. Ob Pasta oder Pesce, die wunderbar intensiven Fleischgerichte, das Spiel mit Elementen aus anderen Küchen wie dem Taco – alles war Teil einer aufregenden Reise, die neben dem freudvollen Genießen immer auch ein Stück weit neues Erlebnis war. Aber das, was mich am stärksten abgeholt hat war einer der ersten Gänge: ein Antipasto Misto einfachster Natur. Gepickeltes Gemüse aus dem Garten, Olive Ascolane, handwerklich gemachter Käse, Prosciutto vom Nachbarn, das eigene Olivenöl. Dazu das eigene Sauerteigbrot. Terroir pur. Frisch und erfrischend, schnörkellos, geschmacksintensiv. Bescheiden und dennoch so reich.
Handgeangelt, kontrollierte Aufzucht, low intervention – all das ergibt für mich plötzlich mehr Sinn als jede große Erzählung über Nachhaltigkeit. Es ist der Schlüssel zu wahrem Geschmack. Ich erlebe italienische, hier sogar klar marchigianische Küche: pur, unverfälscht, aber eindeutig positioniert. Mit Kante. Mit Bekenntnis zum Ursprung. Wie die Weine dort. Dem Terroir verpflichtet. Nicht laut, sondern sicher in sich ruhend.
Und doch beschreiben sie etwas, das für mich auch etwas sein wird, was uns 2026 stärker begegnen wird: Die Frage nach Identität. Ungeschminkt und unangepasst. Klar im Ausdruck. Keine Verfremdung um der Idee willen. Kein Fusionismus, der alles zu einem globalen Einheitsgeschmack glättet. Fusion kann großartig sein – aber nur, wenn sie den Ursprung erkennen lässt. Wenn sie die Wurzel nicht opfert. Wenn sie nicht verwischt, sondern erweitert.
Eine Rückbesinnung auf das, was ein Ort, ein Produkt, eine Küche ausmacht. Und gleichzeitig Teil eines internationalen Gegentrends, der Herkunft, Handschrift und Unverwechselbarkeit wieder zum Maßstab macht – als Antwort auf Fusion-Einerlei und den globalen Gleichmacherwahnsinn.
Noch eines. Der Ort, den ich beschrieben habe, ist das Il Topicco in Grottammare. Einer der Plätze, die mich auf meiner Suche nach außergewöhnlichem Genuss am nachhaltigsten beeindruckt haben.
Draußen beginnt das Jahr.
Ich verstaue die Tüten, setze mich ins Auto und bleibe noch einen Moment sitzen. Vor mir, hinter der Scheibe, das unverändert fröhliche Gedränge bei Chez Olivier – Stimmen, Gläser, dieser kleine Silvester-Nachmittag, der sich weigert, hektisch zu sein.
Aus ein, zwei Flaschen sind am Ende natürlich drei geworden. Der Champagner von Clement Perceval aus Chamery, extra brut, den ich „unbedingt probieren“ sollte, liegt jetzt hinten im Kofferraum wie ein kleiner Vorsatz.
Olivier macht das seit dem ersten Tag so: Er läuft nicht den Etiketten hinterher, sondern der Neugier. Er stellt Dinge hin, die man noch nicht kennt, und nimmt dabei die Herkunft ernst. Frankreich ist hier nicht Dekor, sondern Ton. Man atmet es, sobald man die Tür öffnet – in den Flaschen, in den Produkten, in der Art, wie alles zusammensteht. Neu, ohne beliebig zu werden. Klar, ohne laut zu sein.
Der Motor startet. Drinnen wird weiter gelacht. Draußen beginnt das Jahr.
