Rot im Grau

Ein Paar rote Gummistiefel im Nordseewind. Ein vertrauter Ort, der sich verändert hat – und doch gleich geblieben ist. Über das Wiederfinden, das Loslassen und das ehrliche Glück im rauen Licht.

Rote Gummistiefel im Grau

Auf einmal leuchtet es rot.
Da draußen, wo Himmel und Nordseewasser eins werden.

Usselwetter. In Düsseldorf würde es mich nerven – hier gehört es einfach dazu. Es riecht nach Salz, Wind und einem Hauch Abenteuer.

Ich stapfe mit meinen Gummistiefeln durchs Wasser, halb neugierig, halb kindisch.
Und als ich näherkomme, muss ich laut lachen:
Es sind wirklich rote Gummistiefel, die dort im Wasser stehen.

Wasserumspült, fest verankert, ganz nah an den Holzpfählen, die sonst den Strand vom Badebereich trennen – jetzt ein Teil des Meeres.
Typisch norddeutsch: rau, direkt, mit einem Augenzwinkern dem Wetter trotzend.

Fröhlich leuchten sie in all dem Grau.
Und ich grinse zurück.

Jenseits der gewohnten Routen

Neulich, beim letzten Glas Wein in meiner Lieblingsweinbar in Düsseldorf, fragte mich Olaf, wohin es mich diesmal verschlägt.

„Sankt Peter-Ording“, sage ich.
Kurze Stille. Dann dieses Gesicht, das sagt: Ernsthaft jetzt?

Er war anderes gewohnt: Frankreich, Italien. Hochburgen des Genusses – Lyon, Marseille, Modena.
Aber Sankt Peter-Ording?
Kulinarisch: schwierig.
Landschaftlich: rau.
Wetter: naja, sagen wir – authentisch.

Ich sehe, wie er nach den richtigen Worten sucht – und muss innerlich lachen.

Viele denken so.
Urlaub, das sind Orte mit Sonne, Wein und Postkartenblicken.
Sankt Peter-Ording dagegen? Eher das Gegenteil davon.

Und genau das macht den Reiz aus.
Einfach raus. Durchpusten lassen.
Den Kopf leer fegen – und neu sortieren.

Zwischen Liebe und Ernüchterung

Nach fünf Jahren mal wieder in SPO – wie mein Lieblingsort an der Nordsee liebevoll abgekürzt heißt.
Was wird mich erwarten? Was hat sich getan, was hat sich verändert?

Auf Social Media bekomme ich regelmäßig kleine Häppchen serviert. Ich fühle mich einigermaßen auf dem Laufenden.
Aber wie wird es sich anfühlen?

Gut, ich komme seit fast dreißig Jahren hierher.
Der Ort ist Teil meiner Geschichte. Ich verbinde viel damit.
Objektivität? Kann man von mir nicht verlangen.

Aber auch ich habe mich verändert.
Was früher okay war, reicht mir heute nicht mehr.

Kulinarisch? OMG.
Mehr kann man dazu nicht sagen.
Das Salt & Silver ist der Leuchtturm schlechthin – aufrichtig, authentisch, mit Vision und Anspruch.

Aber was kommt danach?

Peter Pane – Berliner Mainstream-Burger-Anspruch, der hier einfach deplatziert wirkt.
Steffen Henssler – warum auch immer.
Da ist das touristische Gosch fast schon ein Ort, den man hochschätzen muss.
Die einst stabile Strandbar 54° Nord – steckengeblieben im Muff der 2000er. Für SPO scheint es zu reichen. Aber Spaß macht es nicht.

Einen Lichtblick gab es: Der Weinshop SPO im Dorf, von Amely Heincke betrieben.
Ein mutiges Sortiment, Naturweine, bei den konventionellen Flaschen eher Avantgarde.
Und das mitten in Sankt Peter-Ording – wo man sonst glaubt, man sei im Centro Oberhausen gelandet.

Funktionskleidung in abenteuerlichen Farben.
Kulinarisch und vinophil eher Herne-Wanne-Eickel als Nordsee.

Ich wünsche mir so sehr, dass dieser wundervolle Ort mit seiner traumhaften Landschaft es schafft, sein Potenzial zu heben.
Sankt Peter-Ording ist ein Traum – nur das Angebot in Sachen Gastronomie und Shopping ist leider noch stuck in the 80s of Gelsenkirchen-Buer.

Down to Earth

Aber ist das dann Urlaub?
Kann man da entspannen – und genießen?

Von meiner Seite: ein klares Ja.
Ich kann. Und ich will.

Es ist anders als meine sonstigen Reisen.
Nicht mondän, nicht urban, nicht trendy.
Keine bewusstseinserweiternden Erfahrungen wie in Paris oder Marseille.
Eher bodenständig.
Eine bewusste Entscheidung, down to earth als Bereicherung zu empfinden.

Ich genieße die Natur, das Raue, das Ungeschminkte.
In Gummistiefeln durchs Wasser und den Schlick zu waten.
Nicht schick essen zu gehen – das Salt & Silver mal ausgenommen.
Nicht durch Läden zu streifen, in denen der letzte heiße Scheiß das Hipster-Herz höherschlagen lässt.

Ich habe in der schönen, stilvollen Ferienwohnung selbst gekocht:
Seezungenfilet mit frischen Kartoffeln.
Nordseekrabben zum Frühstück.
Zu Preisen, die Spaß machen – in einer Frische, die man nur hier findet.

Spieleabende. Filmabende.
Ruhe. Entspannung.
Ein Abschied vom Alltag.

Ankommen

Ich lasse den Blick schweifen.
Vor mir das Meer – oder besser gesagt: Wasser. Überall.
Der Strand, sonst eine endlose Sandkiste, ist fast vollständig verschwunden.

Umso

Wind, Regen, Hochwasser – ein norddeutsches Trio, das hier Regie führt.
Dann wieder Sonne. Nur kurz, aber so schön, dass man ihr alles verzeiht.

Ich schließe die Augen.
Atme tief ein.
Salz auf der Zunge, Wind im Gesicht, Frieden im Kopf.

Angekommen.
In Sankt Peter-Ording.
Am Meer.
Und irgendwie auch bei mir.

Das Gegenteil von Alltag

Mir hallen die Worte von Olaf nach.
Oder vielmehr seine Reaktion auf meine Urlaubswahl: Sankt Peter-Ording.

Kann das Urlaub sein, wenn keine Sonne brennt?
Wenn es statt 30 Grad nur Windstärke 8 gibt?
Wenn Menschen Funktionsjacken tragen, die eher praktisch als schön sind – und das völlig selbstverständlich?

Ich lasse die Tage an der Nordsee Revue passieren.
Was war das eigentlich für ein Urlaub?

Passiert ist nicht viel.
Über den Deich geradelt. Das Rad abgestellt.
Dem Meer entgegen. Mal nah, mal fern – Hochwasser, Niedrigwasser.
Sonne, Wolken, Regen. Manchmal alles gleichzeitig.

Ein absolutes Highlight: das Salt & Silver am Böhler Strand – kulinarisch, atmosphärisch, emotional.
Ein Ort, der sich still in mein Herz geschlichen hat.

Ansonsten: Ruhe. Laufen. Innehalten. Kochen. Spieleabende.
Nichts Wildes. Nichts, womit man prahlt.

Aber vielleicht ist genau das der Punkt.
Habe ich das nicht jeden Tag – das andere, das Laute, das Schnelle?
Und ist es nicht genau das hier, was mich wieder erdet?
Das ganz Andere.
Das Gegenteil von Alltag.

Ein Paar Gummistiefel

Ich schaue an mir herunter.
Alt sind sie. Sicherlich zwanzig Jahre.
Damals eine bewusste Entscheidung – für Aigle, gegen Hunter. Warum auch immer.

Ich trage sie nur hier, in Sankt Peter-Ording.
Immer schon.

Meine Gedanken wandern zurück zu den roten Gummistiefeln im Wasser.
Zu dem Lächeln, das sie mir geschenkt haben.
Zu dieser guten Stimmung, die bleibt.

Meine sind oliv. Britisch angehaucht.
Aber auch sie erzählen ihre Geschichte.

Ich werde sie zu Hause so hinstellen, dass ich sie regelmäßig sehe.
Und wenn mein Blick auf sie fällt, dann stehe ich wieder am Meer.
Atme die salzige Luft.
Bin ganz bei mir.

Und – für einen Moment – wieder in Sankt Peter-Ording.

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