Vom langsamen Verrücken eines Bildes

Zwischen Glockenbach, Altstadt und der Korrektur eines Münchner Vorurteils.

Blaue Libelle oder: Der erste Riss im Bild

Da ist es wieder, was ich erwartet habe. Dieses Gefühl, wenn ich an München denke. Dieses Aufgeräumte, dieses Fehlen von Ecken und Kanten, das Nichtvorhandensein der berühmten Schüppe Dreck, die das Leben so normal und damit sympathisch macht. Ein Gegensatz zu Paris oder Amsterdam oder Berlin.

Ich betrete den Raum und bin überrascht. Es stört mich gar nicht. Noch nicht einmal Ambivalenz ist spürbar.

Der erste Blick bleibt an der Theke hängen. Sie bestimmt den Raum. Der Sockel der Theke, Teile der Wand dahinter: petrolfarbene Stäbchenfliesen. Das Licht fängt sich in den Fliesen. Ein dezentes, aber fröhliches Lichtspiel.

Dicht gedrängt sitzt man an Hochtischen oder direkt an der Theke. Der Geräuschpegel ist hoch. Ausgelassen, kommunikationsschwanger und voller Energie. Positiver Energie.

Ich schaue mich um – ein Publikum, das sich nicht sortieren lässt. Es tut gut, dass die von mir klischeehaft erwartete und in meiner Vorstellung mit München verbundene Klientel nicht am Start ist. Hier trifft sich ein Publikum, das gerne genießt.

Willkommen in der Blauen Libelle im Glockenbachviertel.

Mein erster Eindruck hat sich bei den drei Besuchen im letzten halben Jahr verfestigt. Der Ort bleibt, was er beim ersten Mal versprochen hat.

Beim ersten Besuch war es ein Wiedersehen. Piemont. Roero von Valfaccenda. Und plötzlich dieses Lächeln.

Dazu eine Salami-Pizza. Schlicht, geschmacksintensiv, genau so, wie der Teig einer neapolitanischen Pizza für mich schmecken sollte. Unspektakulär. Und doch von einer Intensität, die sofort etwas auslöst.

Dann der zweite Besuch. Der prüfende Blick kam mit. Blieb kurz. Und zog weiter.

Im Glas: Sauvignon Blanc Opok von Sepp Muster aus der Steiermark. Und der Silvaner Alte Reben von Carsten Saalwächter aus Rheinhessen. Zwei Weine, die keinen Lärm machen müssen.

Diesmal kam noch etwas dazu. Austern vorweg. Ein Rindertatar. Austern: check. Tatar: ich sag nur Tatü-Tata. Klasse!

Aller guten Dinge sind drei. Ende Januar dann dieser Abend. Viel Wein. Kollege Schnürschuh hatte seine Hand im Spiel. Sauvignon Blanc von Werlitsch. Weißburgunder von Julien Renard. Danach Jura, gleich doppelt: Chardonnay von Michel Gahier und ein Savagnin von der Domaine des Marnes Blanches. Diesmal ging es quer durch die Karte: marinierter Thunfisch, wilder Brokkoli, Spicy Blumenkohl, Meeres-Fritto, Radicchio-Pizza, Käse.

Die Blaue Libelle kann was. Ein Ort in München, der safe ist.

Wenn ich an Paris denke. An Mailand, Berlin, Amsterdam oder mein geliebtes, kleines Dorf am Rhein. Dann sind sie sofort da, diese Orte, zu denen es mich zieht. Wird es mir in München auch einmal so gehen? Orte mit einer eigenen Atmosphäre. Nicht nur Angebot und Aufmachung. Orte, die einen wiederkommen lassen. Und irgendwann fast ein wenig zu Hause sind.

Die Blaue Libelle bewegt sich in diese Richtung. Obwohl sie ganz anders ist als die Orte, die für mich Heimat in der Fremde sind. Wie das Vinoir in Milano. Oder das Verre Volé in Paris.

Eine Reise beginnt. QuattroTavoli oder: Was in München nicht vorgesehen war

München kann auch anders. Aber so was von anders. Ich stehe vor dem QuattroTavoli und bin eigentlich schon drin. Dreimühlenviertel oder doch eher irgendwo in Italien? Mich beschleicht das Gefühl, dass Letzteres stimmt. Ich öffne die Tür. Es ist laut, chaotisch, ursprünglich, ohne die Schwere der folkloristischen Inszenierung zu tragen.

Einfache Tische, blank, gezeichnet vom Leben. Oder sagt man dazu liebevoll Patina? Ein wildes Sammelsurium an Deko. Historische Filmplakate, Holzstühle, die als Installation an der Wand hängen, die obligatorische handgeschriebene Schiefertafel. Weinkarte? Fehlanzeige. Was willst du? Hauswein oder ne Flasche?

Die Gerichte sind einfach. Kein Münchner Chi-Chi. Eher diese Form von Selbstverständlichkeit, die man nicht herstellen kann. Lasagne, Orecchiette Porcini oder Pinsa. Einfach lecker.

Kein Ort für diejenigen, die Entspannung in gepflegter Ruhe suchen. Aber einer für diejenigen, die das Ausklopfen des Siebträgers als Musik ansehen, die in der italienischen Form von Ordnung kein koordiniertes Chaos sehen und denen das selbstverständliche Nebeneinander von Essen, Wein, lebendiger Atmosphäre und italienischer Lebensart ein Fest ist.

Man verliebt sich schneller, als es einem lieb ist.

Zum Wolf oder: Ein Juwel ohne Geste

Eigentlich war der Abend schon so gut wie zu Ende. Aber ein Freund sagte: Lass uns noch Zum Wolf gehen, auf einen Absacker. Es war fußläufig vom QuattroTavoli. Im Glockenbach. Vom FC Bayern weiß ich ja, dass nicht alles in Bayern blau-weiß sein muss. Aber so rot?

Das war schon ein heftiger Moment, als ich die Bar betrat. Diesen Raum hätte ich überall verortet, nur nicht in München. Die Atmosphäre hat etwas Heimeliges. Da sind die klassisch bayerischen Tischdecken, natürlich in rot-weiß. Und dann Fotos. Keine Großformate. Klein, alle gerahmt. Und dann die allgegenwärtigen Tisch- und Wandleuchten mit roten Schirmchen, die diese besondere, warme, bis fast schon kitschige Atmosphäre erzeugen und den Raum in dieses konsequent rote Licht tauchen.

Sie selbst sagen: „Our inspiration comes from classic cocktailbars and southern style juke joints. We love analog music, rhythm & blues, jazz and soul.“

Man ist in einer komplett anderen Welt. Und merkt ziemlich schnell, dass man nichts dagegen hat. So einen Raum hätte ich auch beim zweiten Hinsehen nicht in München vermutet.

Beim klassischen Herrengedeck kommt als Bier ein Löwenbräu im Krug. Schnörkellos, unprätentiös, kein Szenebier. Die Cocktails – allesamt mehr als nur solide. Keine Cocktailbar für sehen und gesehen werden. Aber eine, bei der ein Abend böse enden kann. Und länger nachläuft, als einem lieb ist.

Viktualienmarkt oder: Ein Anruf, der bleibt

Dann ein Ort, der bleibt. Der Viktualienmarkt. Der Bauch Münchens.

Als mein Papa noch lebte, gab es ein Ritual. Eines von den wenigen, die mir alles bedeuten. Bei jedem München-Besuch versuchte ich, wenigstens kurz dort zu sein. Auch wenn es nur ein Moment war. Nur um Papa anzurufen. Und zu sagen: Ich bin auf dem Viktualienmarkt. Er war nie dort gewesen. Aber er hatte ein Bild. Eine Begeisterung. Diese Faszination, die nur Menschen haben, die Genuss wirklich leben. Und jeder Anruf von diesem Sehnsuchtsort hat uns verbunden. Mehr, als Worte es könnten.

Papa ist 2022 gestorben. Aber das Ritual lebt weiter. Und feiert ihn. Und heute feiere ich dort eine Entdeckung.

Viktualienmarkt. Kaiserwetter. Strahlend blauer Himmel, Sonne im Gesicht. Ich sitze am Hochtisch. Mediterranes Ambiente.

Der erste Schluck vom Raumland Triumvirat Late Release aus dem offenen Ausschank. Und ich vergesse die Welt um mich herum. Eine klassische Champagner-Cuvée aus Pinot Noir, Pinot Meunier und Chardonnay. 15 Jahre Hefelager.

Dann kommen die Meze. Rein vegetarisch. Und der Himmel auf Erden. Kürbis-Hummus mit Pide. Bulgur Pilav mit geröstetem Spitzkohl, Haselnüssen, Sumach. Und Saksuka: Aubergine, Paprika, Tomate, ein bisschen Schärfe. Bio, warm, satt.

Mit jedem ersten Bissen rückt die Umgebung weiter weg. Und irgendwann bin ich drin. In so einem Flow.

Und dann ist da diese Handwerkskunst. Diese Liebe zur türkischen Küche. Ganz ohne Ansage.

Dazu ein Wein, der mich umhaut. Ein Savagnin aus Franken. Von Simon Haag.

Was hier an einem Marktstand in kurzer Zeit passiert, erlebe ich selten. Selbst in Restaurants mit Menü. Ich liebe dieses Gefühl, Teil einer Reise zu sein. Und das Gürmet lädt dazu ein. Leise. So vollkommen unmünchnerisch. Bescheiden, unaufgeregt. Und dann dennoch so laut im Handwerk, dass man nicht drumherumkommt, sein Herz herzugeben.

Abseits von Champagner, Austern und Viktualienmarkt

Was hat mir sonst noch Spaß gemacht?

Da war die Garbo Weinbar. Ein Ableger vom Gasthaus Walz. Glockenbach. Natürlich möchte man sagen. Kleine Speisekarte, Österreich rules. Eine Weinkarte mit Spaß an Entdeckungen. Ein Ort, der sehr genau weiß, was er sein will. Im Sommer auf dem Trottoir. Der Gastraum eine Augenweide.

Und natürlich die Bar Mural. Maxvorstadt. Ein Klassiker, bei dem mittlerweile Bastian Falkenroth am Herd steht. Mondäne Atmosphäre, eine Küche, die ihren eigenen Weg geht. Und natürlich eine Weinkarte, in der man sich eine Weile verlieren kann.

Ein Ort, der in diesem Münchenbild nicht fehlen darf: die GRAPES Weinbar. Sie gehört zum luxuriösen Boutique-Hotel Cortiina. Ein Klassiker in der Altstadt. Etwas ambitioniert. Aber mit einer Karte, die den kleinen Umweg sehr schnell vergessen lässt. Was mich bei meinem ersten Besuch riesig gefreut hat: Dort traf ich zwei alte Bekannte, die nicht überall zu finden sind – den Kapitel I von Christian Tschida und den Verduno Pelaverga von Alessandria. Das Barfood: voll solide. Die Weine: bärenstark. Aber eigentlich bleibt etwas anderes hängen. Diese Atmosphäre. Heimelig, mit einer Offenheit, die den Ort kurz aus München herauslöst. Milano. New York. Warum nicht.

Was daraus zu sehen bleibt

Ich bin mit dieser Stadt noch lange nicht fertig.

Meine größte Entdeckung im vergangenen Jahr? Dass mein Münchenbild nicht gehalten hat. Klar, München trägt nicht diese Lässigkeit von Amsterdam. Nicht diese Weite fvon Paris. München folgt einer eigenen Logik. Aber München ist ebenso wenig nur Chi-Chi wie mein kleines Dorf am Rhein nicht nur aus neureichen Kö-Tussen besteht.

Vielleicht ist es genau das, was an München so leicht übersehen wird: wie viel Genusskultur hier längst selbstverständlich ist. Und wie ernsthaft, wach und eigenständig sich die Weinszene darin bewegt.

Vielleicht ist das alles, worauf es ankommt: in einer Stadt Orte zu finden, in denen etwas bleibt.

2 Kommentare

  1. Sehr cooler Text, der direkt Lust macht, nach München zu fahren. 🙂
    Werde im Mai dort sein und hoffentlich die ein oder andere Bar selbst testen können.

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