
Nun gut. Ich gebe zu, es hat mich überrascht. Und ja, ich musste mal wieder ein Bild in meinem Kopf zurechtrücken. Jetzt sitze ich hier auf dem Trottoir, im feinen Oberkassel, dem poshesten Stadtteil von Düsseldorf. Den ich sonst eher meide. Naja, als Flingeraner ist das halt die schäl Sick von unserem kleinen Dorf am Rhein. Aber ich sitze hier. Unter dem wunderschönen Terrassenschirm. Bewundere die grandiose Fassade des altehrwürdigen Gebäudes, die vorgelagerte Treppe, die von rechts und links zum Gastraum führt, das schmiedeeiserne Geländer. Ich blicke in den Gastraum mit seinen hohen Decken, den schönen Sprossenfenstern, und fühle mich irgendwie in den Süden Deutschlands versetzt, vielleicht irgendwo im Badischen. Vielleicht erklärt sich dadurch auch die spontane Wahl des badischen Weins zum Essen. Und es scheint mir, als wäre ich zu einem Kurzurlaub weit weg von zu Hause. Und nicht einfach mal nur über den Rhein in einen anderen Stadtteil gehüpft.

Regaleali-frei. Endlich erwachsen.
Ich bin im OBK, dem Weinbar-Restaurant-Ableger der Eiskeller-Weinbar aus der Düsseldorfer Altstadt, einer Bank für Weingenuss weit über Düsseldorf hinaus. Eigentlich sollte es nur ein Spaziergang am Rhein werden. Und ein kleiner Bummel durch Oberkassel. Aber da standen wir plötzlich vor dem OBK. Die Fassade. Die lockere Terrassengestaltung. Unspektakulär, aber stilvoll. Einladend. Und das Umfeld ausblendend – einfach eine Atmosphäre, wie sie ein modernes Wirtshaus im Badischen auch ausstrahlen könnte.
Die Weinkarte. Natürlich ein Selbstläufer.
Allein der Spaß, beim Blättern durch die Karte nicht nur das stereotype Düsseldorf zu sehen, sondern neben Ziereisen, Sepp Muster oder Frank John auch einen meiner ligurischen Lieblingswinzer: La Sovversiva aus Pornassio. Es zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Großartige Weine, abseits der ausgetretenen Pfade. Genau das, was ich liebe.
Ich entscheide mich aber – wie bereits erwähnt – für Baden. Das Weingut Höfflin aus Bötzingen. Eine sichere Bank für Low-Intervention-Weine. Nicht hardcore Naturwein. Aber mit klarer Philosophie. Und da es ein unkomplizierter Zwischenstopp werden sollte und es ein heißer Frühsommerabend ist, fällt die Wahl auf einen Grauen Burgunder.
Aber bevor die Nase gerümpft wird: Wir reden hier von richtigem Wein. Ja, er ist unkompliziert und trinkig. Aber er macht auch Naturweintrinkern Spaß. Großen sogar.




Leichtigkeit, süddeutsch. Weinbar-Einerlei, adé.
Dann die Essenswahl. Was liebe ich es, in eine Weinbar zu gehen und dort nicht nur das übliche Einerlei aus Schinken, Salami, Käse, Oliven oder Paté zu bekommen. In Frankreich oder Italien normal. In Deutschland leider die Ausnahme. Sharing is caring. Daher entscheiden wir uns für die hausgemachten Rindfleischkroketten mit wirklich schön spicy Chilimayonnaise, dem sommerlich leichten Brotsalat mit Feta (die roten Zwiebeln waren ein Träumen) und den Petersilie-Bergkäse-Knödeln in Tomatensauce. Ganz ehrlich? Augen schließen, tief den Duft der Speisen einatmen und sich einfach gut 1000 Kilometer weit südlich verorten. Es funktioniert. Versprochen. Das sommerliche Wetter, das schöne Ambiente und die Leichtigkeit des Seins tun ihr Übriges.
Das Leben passiert. Ohne sich aufzudrängen.
Ich beobachte die Szenerie. Menschen, die die Straße entlangziehen. Nachbarn auf Balkonen, die sich anlehnen, als wäre das hier unten ein kleines Stück Abendprogramm. Autos, die vorbeischieben. Und hinten, dort wo die Straße auf die Luegallee zuläuft: die Straßenbahn. Sie kommt, sie verschwindet wieder, als würde sie nur kurz prüfen, ob alles noch da ist. Es ist Bewegung, ja. Aber ohne Unruhe. Ein gutes Verhältnis. Das Leben passiert, ohne sich aufzudrängen.
Und wieder wandern meine Gedanken. Süddeutschland taucht auf, diese ruhigeren Abende, beschaulicher, mit mehr Abstand zwischen den Dingen. Und dann Paris. Nicht als Postkarte, eher als Haltung: Essen und Wein im selben Atemzug, draußen sitzen, mittendrin, ohne dass es gleich zum Ereignis werden muss. Hier ist es natürlich anders. Nicht so trubelig, nicht so rau. Eher Düsseldorf. Eher Oberkassel. Aber der Gedanke bleibt. Und ich lächle für einen Moment. Denn der Besuch im OBK war mehr als nur ein spontaner Restaurantbesuch. Es war ein kleiner Ausflug in eine andere Welt, ohne wirklich wegzufahren. Ich habe gut gegessen, gut getrunken. Und irgendwo zwischen Terrassenschirm, Stimmen, Straßenbahn und Tellerwärme ist etwas zurückgekommen, das sich nach Energie anfühlt. Gut zu wissen, wo die Ladestationen sind.
Links:
https://www.instagram.com/obk_weinbar
https://www.weingut-hoefflin.de