Nicht die Boulevards prägen sich ein. Sondern das Unspektakuläre – Begegnungen, die nachhallen und im Herzen bleiben.




Das pralle Leben auf dem Markt
Sonnenreife, rote Tomaten. Geschwungene, lilafarbene, schlangenförmige Auberginen. Leuchtende Chilischoten. Fröhliche Blüten in aller Natürlichkeit. Das pralle Leben, eingefangen auf einem Marktstand. Am Cours Joseph Thierry. In Le Chapitre, dem 1. Arrondissement in Marseille. Gerade noch das Frühstück im grandiosen Le Bar à Pain genossen, draußen, unter den großen, schattenspendenden Platanen. Frankreich, wie ich es liebe.

Genuss ohne Reue
Die Märkte in Frankreich faszinieren mich immer wieder aufs Neue. Die Frische und Reife der Produkte. Die Liebe für Qualität, für Natürlichkeit. Die Üppigkeit der Farben und die Intensität der Aromen. Für mich, als Genussmensch, der gerne selber am Herd steht, ein Schlaraffenland, eine wahre Offenbarung. Und so gerät jeder Besuch eines Marktes im Süden Europas zu einer unvernünftigen Kauforgie, als ob es kein Morgen gäbe. Ohne Reue – dafür mit umso mehr Genuss im Nachgang.
Wein zwischen Tomaten und Auberginen
Mein Einkaufskorb füllt sich minütlich. Zum Glück bin ich spät dran, die Stände schließen gleich. Da entdecke ich am Bio-Gemüsestand ein paar Flaschen Wein.
Interessiert bleibe ich stehen. Winzer unbekannt, Etiketten fremd. Also frage ich. Der Inhaber des Standes gerät ins Schwärmen: „Von einem Freund… Naturwein…“
Er versucht behutsam, mir das Thema näherzubringen – nicht ahnend, dass Low Intervention schon seit Jahren mein bevorzugtes Jagdrevier ist.
Und dann geschieht das Unerwartete:
Eine ältere Dame, vielleicht Mitte siebzig, gesellt sich zu uns. Übernimmt sofort das Kommando. Im fließenden Englisch. „You should take this wine – and cook the following…“
Ein lebhaftes Gespräch entfaltet sich. Immer mehr Menschen bleiben stehen, eine kleine Traube bildet sich. Tipps, Hinweise, Rezepte fliegen durch die Luft. Und natürlich die Empfehlung: den Rotwein leicht gekühlt zum Mittagessen zu öffnen.
Vorurteile begraben, Offenheit gewinnen
Diese kleine Begebenheit habe ich in den letzten Wochen oft erzählt. Warum?
Zum einen, weil ich dabei endgültig mein Vorurteil begraben habe, dass man in Frankreich ohne Französisch kaum zurechtkommt. Dieses Argument galt in Paris schon lange nicht mehr – und auch sonst: Frankreich war immer multikulti. Frankreich wird es immer sein.
Zum anderen, weil ich als Deutscher dort eine Wärme erfahren habe, die ich so nicht erwartet hätte. Die Freundlichkeit der Menschen – einem einfachen Touristen gegenüber, mitten auf einem Wochenmarkt – war herzerwärmend. Sie hat mir gezeigt, dass manche Vorurteile nur in meinem Kopf existieren.
Und nicht zuletzt: Weil es im Leben oft so ist.
Es sind die kleinen Begegnungen, die unverhofften Momente, das Unspektakuläre und Natürliche, die es reich machen.
Nicht immer der große Moment bleibt hängen.
Vielleicht ist genau das der Zauber des Reisens: Menschen zu begegnen, die man nie gesucht hat – und Momente mitzunehmen, die wie kleine Souvenirs bleiben. Unspektakulär vielleicht – und doch die Momente, die bleiben.
