Flingern fühlt sich gerade anders an

Das Viertel verändert seinen Klang. Orte verstummen, andere beginnen zu sprechen.

Zwischen Regen und Sonne

Ich öffne die Augen. Regen. Grau. Alles wirkt schwer. Keine Spur von Sommer, von Leichtigkeit. Tristesse.
Ein Wort, das mehr ist als nur Wetter. Es legt sich über Städte, über Arbeitswelten, über unser Leben. Ein Gefühl von Sinnlosigkeit, von Leere.

Ich frage ChatGPT, was Tristesse bedeutet. Antwort: „Tristesse wird oft zum Chiffre des modernen Lebensgefühls: entfremdete Städte, graue Arbeitswelten, fehlende Sinnstiftung.““ Ich nicke. Sehe die Parallelen.
Draußen Wolken, drinnen die Gedanken an Kriege, an Klima, an Rezession. Und an meine kleine Hood, Flingern.

Am nächsten Tag: ein anderes Erwachen. Sonne, blau, Licht. Alles glänzt, alles lacht. Gleicher Ort – andere Welt.
Und wieder denke ich an Flingern.

Wenn Flingern Risse bekommt

Flingern, dieser Stadtteil, der sonst pulsiert, leuchtet, Menschen anzieht. Ein Magnet für alles, was lebendig ist. Und doch: in den letzten Monaten hat es Risse bekommen.
Ein Laden nach dem anderen verschwindet.
Der Concept Store von Moritz Wenz. Ein kuratierter Raum nicht für Sachen, sondern Schönes und Sinnstiftendes.
Das Vitale auf der Ackerstraße. Mehr als ein Restaurant – ein Wohnzimmer der Straße, ein Ort, an dem Fremde zu Bekannten wurden.
NineOfive. Pizza und Wein als Mission, und Abende, die in Erinnerung nachglühen.
Thehomestory. Skandinavisches Design, Hygge mitten in Flingern. Mit Ankes Tod verstummte auch dieser Ort – die Türen für immer geschlossen.
Und auch jenseits von Flingern verschwinden Lichter: Cucina am Carlsplatz, Butch auf der Tußmannstraße – Wallfahrtsorte für Küchen-Aficionados, nun nur noch Erinnerung.

Was bleibt, wenn Orte verschwinden

Was bleibt? Mehr, als die, die diesen wundervollen Orten Leben eingehaucht haben, vielleicht selbst ahnen. Auch wenn ich nur Kunde war. Orte wie diese sind niemals bloß funktionale Orte, die Dinge verkaufen oder Speisen anbieten. Sie hinterlassen Spuren.

Moritz Wenz. Jedes Mal, wenn ich den Laden betrat, lag Aufregung in der Luft. Was gibt es Neues zu entdecken? Selten verließ ich ihn ohne Fund – und mein Leben wurde reicher. Mein Erinnerungsstück: ein Winzermesser, gefertigt aus über hundert Jahre alten Eichenholzfässern. Klinge, Korkenzieher, Lederetui – Männerspielzeug mit Genussfaktor. Es reist mit mir, überallhin. PS: Moritz macht weiter, im Kloster Flingern, mit Schmuck. Ohne Laden. Aber online.

Cucina Vitale. Mein Wohnzimmer auf der Ackerstraße. Einen ganzen Text habe ich diesem Ort gewidmet. Doch neben Erinnerungen blieb etwas Handfestes: eine alte Kino-Klappsitzbank. 2002 saß ich dort zum ersten Mal, Birgit trennte sich schweren Herzens davon – heute steht sie in meinem Flur. Jeden Morgen erinnert sie mich an Begegnungen, die bleiben.

NineOFive. Ein Wirbelwind, der Flingern auf den Kopf stellte. Pizza wie von einem anderen Stern, Weine mit Haltung und Haltungsträgern: Jura, Burgund, die junge deutsche Avantgarde, eigene Labels, immer das Gespür für das, was kommt. Mir bleibt eine handsignierte Flasche des Teams – ein Müller-Thurgau von Bianca und Daniel Schmitt, geschenkt an meinem Geburtstag mitten in der Corona-Zeit. Schräge Wahl. Perfekte Wahl.

Thehomestory. Skandinavisches Understatement mitten in Flingern. Louis Poulsen, andtradition, Decken und Lampen, ja. Aber was mir wirklich bleibt, ist schlicht: ein Becher von HAY. Aus dem ich jeden Morgen meinen Kaffee trinke. Design, das nicht schreit, sondern bleibt.

Cucina am Carlsplatz. Ein Füllhorn für alle, die Küche lieben. Messer, Töpfe, Gewürze – vieles, was ich heute koche, gäbe es ohne diesen Ort nicht. Was mir bleibt: kleine Mini-Torchons für Tapas. Unspektakulär vielleicht. Und doch unersetzlich.

Flingern zwischen Tristesse und Aufbruch

Und nun? Sonne oder Regen? Tristesse?
So ist das manchmal mit Gefühlen: Wenn vieles, was Bedeutung hatte, verschwindet, zieht es einen nach unten.

Und Flingern? Wir werden sehen. Die, die gegangen sind, standen für Mut, für Individualität, für Gestaltungswillen. Sie haben sich nicht in Formen pressen lassen, sondern ihr Viertel geprägt – es reich, vielfältig, besonders gemacht.

Andere werden nachkommen. Neue Stimmen, neue Orte.
Was bleibt mir? Das Gute unterstützen. Vor Ort kaufen. Nicht Amazon, nicht Lieferando. Sondern mit meinem Kassenzettel ein Zeichen setzen: für das, was mir wichtig ist.

Mainstream und Durchschnittlichkeit – und damit Tristesse.
Weitere Gentrifizierung, weiterer Verlust von Identität?
Oder doch das Echte, das Authentische, das Individuelle?

Die Reise geht weiter, unaufhaltsam.
Das Wetter können wir nicht ändern.
Aber vielleicht den Klang unseres Viertels.

Links:

https://www.moritz-wenz.de

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