Das Navi verabschiedete sich mal wieder. Wie so häufig, wenn ich in Italien unterwegs bin, um einen Winzer zu treffen. Diesmal allerdings nicht irgendwo im Nirgendwo – ich war in Imperia, einer der größeren Städte der Riviera dei Fiori. Genauer gesagt: in einem der beiden Stadtgebiete. In Oneglia.

Hier sollte ich auf einen jungen, spannenden Winzer treffen. Jemand, der sein Weingut in unmittelbarer Nähe des Hafens gegründet hat. Keine Weinbergsromantik. Keine Reben mit Blick aufs Meer. Stattdessen: eine enge Gasse. Wohnhäuser. Büros. Via Gaudo 13 (IM). Ein halb heruntergezogener Rolladen, kein Firmenschild, keine Klingel. Ich stand etwas hilflos davor und checkte nochmal Google Maps. Der Falk-Stadtplan der Moderne.
Ich rief in den dunklen Raum hinein – und Simone Giordano öffnete. Ich war richtig. Und vom ersten Moment an war klar: Hier ist jemand mit absoluter Leidenschaft und einem wachen Blick für das, was er tut.
Shorts, weißes Shirt, Sneaker, tätowierte Oberarme, Dreitagebart, dunkler Lockenkopf. Und strahlende Augen. Freude über den Besuch.

Aber um das alles richtig einordnen zu können, müssen wir etwa zwölf Stunden zurückspulen. Cena.
Inmitten der Olivenbäume des wundervollen Relais San Damian, in Dolcedo oberhalb von Imperia.
Ein einfaches Abendessen – großartiger Brotsalat, Salsiccia. Lebensmittel, wie es sie in dieser Kombination aus Schlichtheit und Qualität in Deutschland kaum gibt.
Auf dem Tisch: ein Vermentino. Der Impëro von Ca’ Di Frëi aus Imperia. Und der Impëro? Kein klassischer Vermentino. Mitnichten. Mineralisch, salzig, straight. Kein Wein für Lugana-Trinker. Eher von der anspruchsvollen Sorte. Aber: wie so oft in Italien – absolut perfekt zur lokalen Küche. Auch wenn ich gerade Salsiccia und Brotsalalat auf dem Tisch hatte. Hier hätte Seafood perfekt zu gepasst. Und das ist in Ligurien einfach nur phantastisch.

Der Wein war eine Empfehlung meiner Weineinkaufsquelle Nr. 1 in Imperia seit über 20 Jahren: Cantina Lupi in Oneglia. Ich war gespannt, was dieser Wein kann – er war mir schließlich nachdrücklich empfohlen worden.
Und dann: der erste Schluck. Mir war sofort klar: Diesen Winzer will ich kennenlernen.
Kontaktaufnahme via Instagram. Spontane Zusage. Die Vorfreude war riesig.
Das Treffen mit Simone am Tag darauf begann klassisch: Führung durch die Produktion, Austausch über seine Philosophie.
Dann fragte er, ob ich seinen Chardonnay probieren wolle.
Chardonnay? In Ligurien?
Natürlich war ich neugierig – und wir probierten gemeinsam.
Nicht als klassische Verkostung, sondern als Gesprächsanlass:
Über den Wein, seine Visionen (und die seines Partners Andrea), die Weinwelt und das Leben.
Die Trauben, sagte er, kämen von einem Freund aus dem Piemont. Anders als die Vermentino-Trauben, für die das junge Weingut eigene Reben in San Lorenzo besitzt. Vinifiziert wurde der Chardonnay dann aber in Imperia. Chardonnay sei für ihn die Königsdisziplin, was den Ausbau im Holz betrifft. Und das wolle er lernen. Und er ist auf einem tollen Weg. Ein Wein, der seinen Ausbau im Holz nicht verleugnet. Aber auch hier: Passend zur lokalen Küche. Ein feiner Wein als Begleiter für alles, was aus dem Meer kommt. Leicht, spielerisch, voller Trinkfreude. Unkompliziert, aber nicht beliebig.

Ich lernte viel. Als erstes über Simone. Im Nebenberuf Winzer. Ansonsten eher im Bereich der Zertifizierung und dem Thema Arbeitssicherheit zu Hause. Rational, regelbasiert, nüchtern. Das Weinmachen dagegen das andere Erleben. Natur, körperliche Arbeit, das Rumexperimentieren – ob im Weinberg oder der Vinifizierung. Seine große Leidenschaft war und ist der Wein. Daher wollte der gelernte Sommelier auch unbedingt seinen eigen Wein machen.
Und ich lernte zudem viel über seine Philosophie: über seine Sicht auf low-intervention-Weine, die vielleicht doch manchmal einen Hauch Sulfit brauchen, seinen Weg, die Weine erst im Holz, dann im Edelstahl auszubauen – entgegen der langläufigen Praxis. Und über Ligurien. Warum die echten Ligurier eher im Hinterland leben.
Und warum die von uns so geliebte Küste historisch gesehen nicht nur Sehnsuchtsort war.

Was ich mitnehme?
Ob Vermentino oder Chardonnay – die Weine von Ca’ Di Frëi tragen spürbar Passion und handwerkliches Können in sich. Sie sind eigenständig, haben einen starken Trinkfluss, genügen höchsten qualitativen Ansprüchen.
Und sie folgen einer Haltung, die nicht bloß auf der Website steht:
„…immer der Natur, die echt und widerstandsfähig ist, zu überlassen, die Führung zu übernehmen.“
Das klingt romantisch – ist hier aber Realität.
Und im Glas erlebbar.
Diese Begegnung hat meinen Horizont erweitert.
Ein neuer Blick auf ligurischen Wein. Und auf einen Winzer, der seinen ganz eigenen Weg geht.
Links:
https://www.cadifrei.it
https://www.enotecalupi.com
https://www.san-damian.com