Meer aus Aromen. Und ein Crescendo im Glas.

Strandrestaurants in Italien – ein Kapitel für sich. Ich komme seit Jahrzehnten nach Italien. Bin gerne am Strand. Und doch ist es mir all die Jahre nicht gelungen, meine reflexhaften Assoziationen bei dem Wort ‚Strandrestaurant‘ ganz abzulegen. Als Deutscher denkst du: Imbiss-Niveau, Currywurst Pommes ist das höchste der Gefühle in Hinblick auf kulinarische Erfahrungen, ein Flaschenbier in der Hand. Snackkultur im Improvisationsmodus ohne Erwartungen. 

In Italien? Sicher, es gibt auch die deutsche Variante – leicht italisiert, aber im Kern vertraut. Keine Frage. Aber es geht auch ganz, ganz anders. Und das eher häufiger als selten. 

Zuletzt in Bordighera erlebt. Was soll ich sagen? Bordighera. Diese immer wieder faszinierende Grandezza der altehrwürdigen Küstenorte an der Riviera dei Fiori. Kurz vor der französichen Grenze, die mondäne Côte d’Azur zum Greifen nahe. Nur halt italienisch interpretiert. Die Fahrt von der Autobahn hin zum Strand war schon ein Erlebnis. Wow, oh, ahh…schööön….Prächtige alte Villen strahlten in den sanften Farben des Südens, Palmen, parkähnliche Gärten mit verschwenderisch üppigen Boungainvilien- und Orleanderbüschen setzen Farbakzente, die schon fast überforderten. Und dann immer wieder dieser Blick auf das tiefblaue Meer, auf dessen sanften Wellen das Sonnenlicht glitzerte – fast zu schön, um nicht kitschig zu sein.

Am Strand angekommen. Der Amarea-Strand mit dem Ristorante Romolo Mare. Es war Pranzo-Zeit. Eigentlich schon zu spät dafür. Der Kellner ließ sich von meinem bettelnden Blick und dem Hinweis auf meine Tochter, meine Prinicipessa, erweichen. Ich versprach ein quick lunch, damit wir den Betrieb nicht zu sehr stören. Sowohl er als auch ich wussten, dass dies nur die nötige Ausrede war, um das kommende Vergnügen zu legitimieren.. 

Als erstes die Karte. Es war ein Feuerwerk der mediterranen Küche, die in den Küstenorten der Riviera so selbstverständlich gefeiert wird. Es war klar: auch wenn es schnell gehen musste. Ein Gericht würde niemals erlaubt werden. Weder in Hinblick auf meine Neugierde und meinen Hunger nach kulinarischen Erlebnissen. Noch in Hinblick auf das, was Italiener als kleines Essen bezeichnen. Dann die Weinkarte. 52 Seiten. Ich buchstabierte es ungläubig in meinem Kopf. Mit Fokus auf ausgesuchte Natural Wines, low intervention. In einem Strandrestaurant. Nervosität trat ein. Es war Mittagszeit. Die Sonne brannte. Und ich hatte eine Weinkarte vor mir, die man nicht einfach zur Seite legen konnte. Aber mehr als ein Flasche war ausgeschlossen. Ein Dilemma.

Die Wahl war unerwartet schnell getroffen. Der Crescendo von Selvadolce. Ein reinsortiger Pigato, eine Mutation der Rebsorte Vermentino und als autochtone Rebsorte ein grossartiger Botschafter Liguriens. Ein Naturwein, orange ausgebaut – also mit Schalenkontakt vergoren. Im Glas leuchtet er intensiv gelb. Er duftet nach wilden Sommerkräutern und getrockneten Aprikosen – eine Kombination, die sofort Bilder erzeugt. Augen schließen, mal in sich reinhören und das Duftspektrum an sich vorbeiziehen lassen. Herrlich. Vom Geschmack her mineralisch, salzig, direkt und zupackend. Und er erzählt auf plastische Art und Weise – wie gemacht für die Küche dieser Küstenregion, wo Meer und Berge ineinander übergehen. Er übersetzt die Geografie ins Glas – salzig, steinig, warm und kantig zugleich. 

Hier wird der ein oder andere innehalten. Die Weinwahl vor der Speisenwahl? Was ist bitte mit dem berühmten Weinpairing? Meine Tochter und ich sprachen im Moment der Weinwahl darüber. In Italien habe ich gelernt, was der Weinbegriff Terroir bedeutet. Und warum Wein und Food in der italienischen Kultur eine Einheit darstellen. Wählt man einen Wein aus der Region, so passt er zumeist perfekt zu den Speisen und umgekeht. Eigentlich ganz einfach. 

Das darauffolgende Essen war eine Ode ans Meer. Denke ich daran zurück, dann schmecke ich nicht nur die Aromen des Meeres, sondern höre das Rauschen der Wellen. Ein sinnliches Erlebnis voller Tiefe, das mich noch heute mit Glück und stiller Zufriedenheit erfüllt. In aller Kürze, obwohl es schwerfällt. Es gab ein Thunfisch-Tatar mit Augerginen-Salat. Mit einer würzigen Mayonaise, frischem Ingwer und Sojasauce. Eigentlich bin ich bei Tatar Purist. Aber diese vier Ergänzungen des Tatars ließen mich den Fisch immer wieder neu in ganz neuen Facetten erleben. Ein Erlebnis. Dann die Pasta mit einem Oktopusragout. Was für eine Intensität und handwerkliche Präzision. Zum Abschluss Cozze – Meer ein seiner pursten Form.

Ich genoss zum Abschluss den obligatorischen Caffè – mehr als nur ein Menüabschluss. Mehr ein meditatives Ritual, in der eine Zusammenfassung und Würdigung des Menüs stattfindet. 

Der Tag am Meer verging wie im Flug. Sonne, das Rauschen der Wellen, das quirlige Strandleben. Am Ende des Tages natürlich Aperitivo. Mein all-time favourite Drink, der Negroni. Das ist Italien im Glas für mich. Und eine Erinnerung an den ewigen Sommer. Glück eingeschlossen.

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