Kleine Revolten am Tellerrand

Warum kulinarische Identität kein Entweder-Oder kennt – und das Vertraute sich oft erst im Neuen offenbart.

Und wieder war es der leere Teller, der mich in den Bann zog. Diesmal nicht alleine wegen des farbenfrohen, fröhlichen Designs. Es war das Muster – ein bisschen retro, charmant verspielt und gerade deshalb leicht drüber. Und vielleicht gerade deshalb so charmant. Es zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. Denn Teller wie dieser sind ein untrügliches Zeichen für Restaurants, die ihre Sharing-Konzepte mit Natürlichkeit und Überzeugung leben. Orte, an denen das Essen eine Entdeckungsreise durch Aromen, Texturen und Küchen wird – wenn man sich am Tisch darauf einlässt. Und alles probiert. Alles teilt.

Und natürlich beginnt es meist mit dem kleinen Spiel: Wer bekommt welchen Teller? Welcher passt am besten zu wem? Eine Art kulinarisches Persönlichkeitsspiel – bei dem jeder das Gefühl hat, mit seiner Wahl auch ein wenig Haltung auszudrücken.

Ich war im Bellie – mitten in Vieux Lyon, der historischen Altstadt. Kulinarisch gesehen war und ist Lyon eine Hochburg – oder besser: ein Bollwerk – der klassischen französischen Küche. Lyon denkt nicht an Weltbühne wie Paris. Nicht an Rebellion wie Marseille. Lyon denkt: Butter. Und Bocuse.

Und dennoch: Das Essen im Bellie war ein Sinnbild für das, was ich seit einiger Zeit in Frankreich beobachte. Eine neue Generation von Köchen und Gastgebern, die das Alte ehren – aber nicht davor zurückschrecken, es weiterzudenken. Offener. Mutiger. Internationaler. Ohne dabei ihre Herkunft zu verleugnen. Da trifft levantische Würze auf asiatische Frische. Klassik auf Streetfood. Struktur auf Intuition.

Und dabei bleibt es französisch. Immer.

Was mich beschäftigt: Mein Verhältnis zu Frankreich hat sich verändert.

Ich war lange Zeit italophil durch und durch. Italien war mein kulinarischer Fixstern. Hier habe ich guten Wein lieben gelernt, das Kochen, die Produkte. Ob in Restaurants, auf Märkten, in kleinen Alimentari oder durch die zahllosen Streifzüge durch die Weinwelt. In Italien, das durfte ich bei Winzern immer wieder erfahren, ist nicht alles kartografiert – zumindest was die Wege angeht. Ich habe Straßen genommen, die gar keine waren. Bin Abbiegungen gefolgt, die auf keiner Karte standen. Und trotzdem – oder gerade deshalb – war es immer ein Genuss. Weil es ein Lebensgefühl war.

Und Frankreich? Das war lange eine andere Welt. Der Wein: zu schwer, zu kompliziert, zu elitär. Das Essen? Entweder überinszeniert – oder fordernd mit Innereien und schwerem Saucenwerk. Italien war dagegen klar, ehrlich, bodenständg. Immer gut. Immer lecker. Vielleicht zu kalkulierbar. Aber eben auch: vertraut.

Restautants wie das Bellie haben mich neu auf Frankreich schauen lassen. Auf eine leichte, unkomplizierte Art und Weise. Ja fast spielerisch. Und mit viel Spaß. Im Bellie war es eine unendlich wirkende Entdeckungsreise. Ob die getrüffelte Mortadella mit Olivenöl und Haselnüssen, das mit Gewürzen kandierte Lamm auf libanesischem Keshke, die Accras vom Kabeljau, Pack Choi Tempura oder die Burrata mit eingelegten Tomaten und Zitronen Gremolat und Parmesan. Es war intensiv, immer überraschend, nie klar einordbar und dennoch fühlte es sich richtig und vertraut an. So, als müsste es genauso sein. In diesem Moment, an diesem Ort.

Und plötzlich stellte ich fest: Ich musste mich nicht entscheiden. Frankreich und Italien gleichzeitig zu lieben ist möglich – kulinarisch und vinophil auf jeden Fall. Vielleicht nicht monogam, aber aufrichtig. Und leidenschaftlich..

Links:

https://www.bellie-lyon.fr

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