Was bleibt, wenn nichts inszeniert ist

Über die Kraft der Einfachheit und das Vertrauen in den eigenen Stil.

Das Olivenöl leuchtet in sattem Grün. Frisch, grasig, pfeffrig – mein Blick verweilt für einen Moment und ich lächle vor mich hin. Dieser kleine Teller – Olivenöl, grob gemahlener Pfeffer, Meersalz – ist ein liebgewordenes Ritual geworden. Seit über 20 Jahren.

Flingern-Nord, Ackerstraße 168. Das Cucina Vitale. Eines der kleinsten Restaurants in Düsseldorf, das ich kenne. Ein Wohnzimmer-Restaurant. Bollwerk der klassischen Cucina Casalinga. Kein Chi-Chi, kein Türmchenbau. Ehrlich. Ungeschminkt. Der Tradition verpflichtet. Eine Institution und fester Bestandteil des Viertels. Das Cucina Vitale war schon dort, als die Öffnungszeiten der Hippsterläden auf der Ackerstrasse eher ein Lebensgefühl beschrieben als dass sie für einsthaftes Business standen. Das Restaurant von Gianni und Birgit Vitale hat einen festen Platz in den Herzen der Flingeraner. Und Giannis ganz eigener Kochstil, der keinen Moden folgt, hat so manche Brücke zwischen den Kulturen geschlagen. 

Ich starte mit einem Bier. Natürlich ist es nicht das trendige Peroni, das einem zurzeit überall begegnet. Nein – es ist ein BIRRA MORETTI. Fast möchte man sagen: selbstverständlich. Botschaften wie Qualità e Tradizione sowie Una Storia Italiana sind zu lesen. Das Etikett mit dem „Baffo“ hat fast postkartenhaften Kultstatus. BIRRA MORETTI steht für das unprätentiöse, herzliche Italien, für Authentizität und Einfachheit. Cucina Vitale in Flaschenform.

Dann kommt das Essen.
Antipasto misto. Bei Gianni bedeutet das: gegrillte Zucchini, Möhren, Paprika, Kichererbsen, Rote Bete. Ein Klassiker zum Start – reduziert, ehrlich, gut. Dazu: Polpette al sugo. Die Tomatensauce hat Tiefe. Als hätte sie die Sonne des Südens eingefangen.

Weiter geht’s mit Pasta.
Spaghetti ai moscardini – zartes Fleisch kleiner Tintenfische, in einer Sauce, die all’onda ist, mit leichter Sämigkeit, die sich sanft um die Pasta legt. Und Spaghetti alla puttanesca – klar im Punch. Kraftvoll, salzig-würzig, fast schon frech.

Und dann: das Finale.
Die Torta Caprese. Eine kleine Hommage an Giannis neapolitanische Heimat. Und eine, bei der man die Liebe zum Handwerk und zur Heimat schmeckt.

Beim Schreiben dieser Zeilen spüre ich Wehmut. Ende September schließen Gianni und Birgit das Cucina Vitale – nach 26 Jahren. Fast drei Jahrzehnte, in denen aus einem Restaurant ein vertrauter Ort wurde. Ein Ort, an dem viele glückliche Abende begannen – mit einem grünen Schimmer Olivenöl, einem Glas Wein, einem Lächeln. Und an dem sie oft auch endeten, mit einem Gespräch mehr, als geplant war.

Mit Gianni und Birgit sind es nicht nur zwei Gastgeber, die gehen. Es sind zwei Menschen, die mit Leidenschaft und Haltung sich engagiert haben und dem Viertel viel gegeben haben. Die sich nie in Szene gesetzt, sondern Räume geschaffen haben – für Essen, Begegnung und Vertrautheit.

Mit dem Cucina Vitale verliert die Ackerstraße mehr als nur ein Restaurant. Sie verliert ein Stück ihrer Geschichte. Und ein gutes Stück ihrer Seele.

Link:

www.vitaleonline.de

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