Ein Raum, der leise spricht

Düsseldorf hat viele Gesichter. Das Wyno zeigt eines, das man nicht erwartet. Naturwein trifft japanische Küche, Flingern trifft Weltstadtgefühl – unprätentiös, authentisch, unaufgeregt. Wer hierher kommt, bleibt oft länger als gedacht. Und geht anders wieder hinaus, als er hineingekommen ist.

Straßenbahnen fahren. Der Bus hält quasi vor der Tür. Gemischtes Publikum begegnet einem auf dem Gehweg. Düsseldorf von einer anderen Seite. Zumindest wie viele auf die Stadt sehen. Kein gelecktes Publikum, nicht die Schönen und die Reichen, das Perfekte. Ein unscheinbarer Eingang. Fast geht man dran vorbei. Der hippe Teil der Ackerstraße liegt nur gut 100 Meter entfernt. Der Hauptbahnhof mit dem vorgelagerten Worringer Platz ist quasi in Sichtweite. Kein Hipster-Alarm. Hier ist man im eher raueren Teil von Düsseldorf-Flingern. Ich öffne die Tür und lande in einem Raum, der seine eigene Sprache spricht. Ohne den Vibe der Straße unbedingt zu verlassen. Gedämpftes Licht, viel Holz. Die Wandintarsien bestimmen seit 1969 die Atmosphäre im Raum. Ich bin im Wyno. Eine Weinbar, die in Düsseldorf nach wie vor Entwicklungshilfe in Sachen Naturwein leistet. Und das nicht erst seit gestern. Olaf Kölker hat sich diesem Thema verschrieben, als die Regale in Deutschland noch voll waren mit Flaschen, die alle gleich schmeckten.

Weinbar = der neue Burgerladen?

Die Weinbar-Szene scheint international förmlich zu explodieren. Paris, Amsterdam, Mailand – oder auch in Marseille, München oder Rotterdam eröffnen ständig neue Konzepte. Die Weinbar ist der neue Burgerladen. Auch Düsseldorf ist längst auf diesen Zug aufgesprungen. Mein kleines Dorf am Rhein. Und manche Orte waren schon da, bevor überhaupt jemand „Zug“ gesagt hat. Wie das Wyno.

Der Mann hinter den Flaschen

Er steht hinter der Theke. Unaufgeregt. Wachsam. Mit diesem Blick, der nicht sucht, sondern sieht. Vielleicht ist das der Instinkt aus seiner Zeit in der Interior-Design-Szene – das Auge für das Zusammenspiel, für den richtigen Moment. Olaf hat früh auf Wein gesetzt. Als Hauptdarsteller. Nicht als Beiwerk. Und gleich in die Nische hinein. Super-Nische, könnte man sagen. Naturwein.
Was das Vinoir in Mailand oder das Verre Volé in Paris für ihre Städte sind – das ist das Wyno für Düsseldorf. Pionierarbeit. Ein Sortiment, das nie dem Lauten oder Breiten folgt. Sondern dem Neugierigen, dem Feinsinnigen. Das gerne rechts und links schaut, auch mal abbiegt, wo andere geradeaus laufen.

Weinbar oder Restaurant? Oder Bistro? Oder irgendwas dazwischen?

Bewege ich mich in Frankreich oder Italien, stellt sich mir diese Frage eher selten. Dort verschwimmen die Kategorien auf charmante Weise. In Deutschland hingegen bedeutete Weinbar lange Zeit: freudlose kulinarische Erfahrungen. Oder – etwas weniger despektierlich formuliert –: handwerklich hergestellte Wurst- und Käsespezialitäten zu ambitionierten Preisen.

Ganz anders im Vinoir in Mailand: ein kleines, ständig wechselndes Menü. Oder im Verre Volé in Paris: Klassiker der französischen Bistroküche, schnörkellos serviert. Ebenso im Pariser Billili: warme und kalte Sharing-Gerichte, die das Herz höherschlagen lassen.

Und im Wyno?

Seit kurzem prägt Tomo, ein junger japanischer Chef, das kulinarische Angebot – und lässt die Küche in einen Dialog mit der Weinkarte treten. Sushi, Sashimi, gepickeltes Gemüse, allerlei Frittiertes: feine Produktqualität, kluge Aromatik, pointierte Texturen, ein Augenschmaus noch dazu. Alles mit einer Leichtigkeit, die verführt – ohne sich anzubiedern.

Die einzige Frage, die sich durch den Abend zieht:
Erst noch eine weitere Flasche aus dem immer spannenden Sortiment – oder doch lieber erst noch ein weiterer Gang von Tomo?

Flüssiges Glück in Flaschen

Roagna, Moritz Kissinger, Kraemer, Kleines Gut, Overnoy, Yannick Meckert, Julien Renard, O2Y, Marnes Blanches. Die Liste könnte endlos weitergehen – und die Auswahl hier ist eher zufällig. Doch etwas eint sie alle: Sie laden dazu ein, Wein nicht nur zu trinken, sondern ihn als Erlebnis zu begreifen. Als Einladung, Perspektiven zu verschieben, Gewohntes neu zu denken und Entdeckungen alltäglich werden zu lassen. Flüssiges Glück in Flaschen.

Es sind Überzeugungstäter, diese Winzerinnen und Winzer. Im besten Sinne: Besessene. Idealisten. Mit Haltung, mit Herz, mit Handwerk. Und oft mit Vision. Doch im Wyno wird nicht doziert, nicht belehrt, nicht missioniert. Keine vorgefertigten Meinungen, keine dogmatischen Debatten. Sondern geteilte Freude. Still oder laut. Wie der Abend eben ist. Der Genuss steht im Mittelpunkt – und eine Leichtigkeit, die nichts erklären muss. Aber viel erzählt.

Innehalten

Draußen ist es dunkel. Das Licht der Laternen spiegelt sich in den Pfützen auf dem Asphalt. Hin und wieder ein Auto. Eine Straßenbahn zieht vorbei. Und ich gehe – entspannt, ein wenig beschwingt – durch den Abend nach Hause.

Ich denke zurück. An Begegnungen an der Bar, meinem Lieblingsplatz. An Gespräche über Gott und die Welt. Und natürlich über Wein. An dieses „Willst du mal probieren?“, das hier öfter fällt als die Frage nach dem Wetter. Und an dieses Gefühl: für einen Abend alles hinter sich zu lassen.

Einatmen. Ausatmen. Innehalten.

Adresse:
Wyno | Weinbar Düsseldorf, Ackerstr. 49, Düsseldorf, Germany 40233


Kommentar verfassen