
Dieser freaky Gewürztraminer mit dem Namen Adul’Terre von Lambert Spielmann aus dem Elsass tut genau das. Er katapultiert mich zurück in einen Weinladen in Marseille – Plus Belle la Vigne.
Es war einer dieser heißen Sommertage, an denen man für jeden geöffneten Laden dankbar ist. Ein wenig Schatten, ein wenig Kühle.
Aber hier kam ich nicht zufällig vorbei. Die Raisin-App – mein treuer Reisebegleiter auf der Suche nach Naturweinen und besonderen Restaurants – führte mich auf den Cours Julien, ins Herz von Marseilles Ausgehviertel Notre-Dame-du-Mont.
Schon bei der Planung der Reise war klar: Diese Naturwein-Cave wollte ich unbedingt sehen.



Avantgarde en masse.
Was anderswo auf Tasting-Listen gefeiert wird, steht hier ganz selbstverständlich im Regal
Ich betrat den Laden. Genoss für einen Moment die Kühle des Raums. Doch kaum stand ich drin, war ich unter Hochspannung. In einem für mich ungeordneten Chaos erkannte ich sofort: Hier bin ich gelandet, wo Naturwein atmet. Reizüberflutung. Flasche an Flasche, viele davon nur bekannt aus meiner Instagram-Timeline. Freakstoff en masse.Wohltuend war: Es ging nicht um große Namen. Nicht allein um die Overnoys und Ganevats, die Labets dieser Welt. Nicht um Etiketten, die als Trophäen gelten. Es war kein kuratiertes Schaulaufen. Vielmehr wirkte alles wie eine wilde Ordnung – ein Kompendium der Avantgarde. Naturwein nicht als Stilmittel, sondern als Haltung. Roh, ungestylt, echt. Der Raum war voll davon. Und nahm mich vollständig ein.
Angekommen. Bereit für das Unbekannte.
Nach Minuten des stillen Staunens und ziellosen Herumstöberns war ich soweit. Angekommen. Bereit, mich überraschen zu lassen.
Ich schilderte meine Vorstellung: Es ging mir nicht um bestimmte Rebsorten oder Regionen, sondern um Horizonterweiterung. Darum, neue Richtungen kennenzulernen. Zu sehen, wohin die Reise in der Naturweinszene gehen könnte.
Ein kleiner Einschub an dieser Stelle: Ich bin begeistert, was sich in den letzten Jahren in der Naturwein-Bubble in Deutschland und Österreich entwickelt hat. Und auch Italien – so oft als traditionsverhaftet beschrieben – hat eine großartige Szene hervorgebracht. Eine, die mutig ist und zugleich tief verwurzelt bleibt.
Aber Frankreich?
Cutting Edge.
Mit handwerklicher Exzellenz, mit der Fähigkeit zu träumen, mit Wagemut. Und oft mit einer Selbstverständlichkeit, die staunen lässt. Für mich steht Frankreich zurecht an der Spitze. Zumindest in meiner ganz persönlichen Wahrnehmung.
Ein Gespräch, das sich öffnete
Nach und nach veränderte sich die Stimmung. Aus der anfänglichen Skepsis dem deutschen Touristen gegenüber – der sich nur auf Englisch verständigen konnte – wurde ein spannendes, inspirierendes Gespräch.
Die Passion dieses Mannes für low-intervention-Weine war ansteckend. Wir tauchten ein in Regionen, Rebsorten, Jahrgänge. Doch er wurde dabei nie belehrend, nie philosophisch. Stattdessen öffnete er Türen. Ließ mich hinter die Kulissen blicken. Nahm mich mit auf eine Reise, in der Winzer Persönlichkeiten wurden und Stilistiken lebendig. Ich begann, die Weine zu schmecken, wirklich zu schmecken – in ihren feinen Unterschieden, in ihren Nuancen.
Die Zeit verging wie im Flug. Ich erinnere mich gut an diesen einen Moment: wie er eine Flasche schräg hielt, gegen das Licht, um mir die feine Trübung zu zeigen – das Ungefilterte, Ungeschönte. Und diese Farben! Jede anders. Jede wie ein Versprechen.

Die Wahl fällt auf einen Partisan Vigneron
Die Auswahl war wahrlich nicht einfach. Doch am Ende standen da vier Flaschen. Das Ergebnis einer Reise durch die Welt der französischen Naturweine. Voller Faszination, Neugier – und der Vorfreude, mich überraschen zu lassen.
Nun steht einer dieser vier Musketiere geöffnet bei mir in der Küche. Das strahlende Orange zieht mich in den Bann. Gewürztraminer. Elsass. Von Lambert Spielmann. Auf seiner Visitenkarte steht: Partisan Vigneron.
Ein Überzeugungstäter. Einer, der sich bewusst gegen industrielle Weinproduktion stellt. Der Konventionen hinterfragt, Risiken eingeht, Traditionen interpretiert oder bricht – nicht aus Trotz, sondern aus Überzeugung.
Und dieser Gewürztraminer? War jedes Risiko wert: kräftige Orangen- und Zitrusschale, Rosenblüten, ein Strauß Gewürze, ordentlicher Zug, zupackende Säure. Kein Wein für Zartbesaitete, kein Leisetreter. Aber auch nicht nur laut.
Leicht gekühlt getrunken – ein Alleinunterhalter. Für einen langen Sommerabend, der sich nicht beeilen muss.

Zwischen den Welten
An einem der nächsten Abende gehe ich noch einmal am Plus Belle la Vigne vorbei. Der Laden ist geschlossen, die Rollläden unten – kunstvoll besprüht, wie fast alle hier im Cours Julien. Zwischen wilden Graffitis tauchen grüne Flaschen auf. Caviste nature, steht daneben. Ich muss lächeln.
Dieser Ort trägt beides in sich: das Raue und das Zarte. Das Schrille und das Sanfte. So wie Marseille selbst. Ein Tanz zwischen den Welten – und mittendrin ein Weinladen, der nicht nur Flaschen verkauft, sondern Haltungen.
Ich freue mich schon auf das Öffnen der vier Flaschen. Denn manchmal beginnt das Trinken genau da, wo die Reise aufgehört hat.
Links:
http://www.plusbellelavigne.com
https://www.instagram.com/lambertspielmann/