Aperitivo: mehr als ein Drink

Ein Sommerabend in Milano, ein Glas Spumante und die Entdeckung einer Tradition, die mehr ist als nur ein Drink. Ein Ritual des Zusammenseins, das ich seitdem nicht mehr loslasse.

Milano, Juli 2001 – die erste Begegnung

Es war irgendwann im Juli 2001. In einem der schicken Cafés in der Galleria Vittorio Emanuele, im Herzen von Milano. Gegen 18 Uhr, ein Sommertag neigte sich langsam dem Ende zu. Diese besondere Mischung aus Mailänder Geschäftigkeit und lombardischer Eleganz lag in der Luft. Vor uns an der Bar tauchten immer mehr kleine Köstlichkeiten auf. Lauter Cicchetti, wie die Snacks in Venedig heißen – hier in Milano jedoch Teil der Aperitivo-Kultur. Ungläubig probierte ich eines nach dem anderen. Fragte immer wieder unseren italienischen Geschäftspartner, der uns in diese Vorabendtradition einführte, ob das tatsächlich im Preis für den Spumante, der im Glas sprudelte, enthalten sei. Spätestens bei seinem lachenden „Ja“ begann eine große Liebe. Die Liebe zur italienischen Aperitivo-Tradition.

Ein Ritual des Innehaltens

Seit diesem Abend nutze ich jede Gelegenheit, diese herrliche Tradition zu genießen. In Italien gehört sie einfach zum Alltag. Ein wundervolles Ritual. Eher ein gesellschaftlicher, ein sozialer Moment, als nur der Besuch in einer Bar. Mehr als ein Drink – ein Augenblick zum Innehalten, Genießen, Zusammensein. Das entspannte Ausklingen eines Tages.

Oft habe ich mich schon zurückgesehnt nach Italien, wenn ich an diese fröhliche, unkomplizierte Aperitivo-Tradition dachte. Eine Kultur, die es in Deutschland nie wirklich gegeben hat. Dabei wäre es so einfach: ein Glas Wein oder Spumante, vielleicht ein Cocktail. Dazu ein paar kleine Häppchen. Nichts Großes. Einfach nur eine nette Geste. Eine Aufmerksamkeit. Ein Stück Vergnügen.

Freitagabend in Flingern – ein Ritual beginnt

Oktober 2013. Flingern-Nord. Am Cranachplatz. Ich hatte gerade meine ersten, selbst importierten Flaschen Wein eingeräumt. Und war während meines Sabbaticals Teil eines frühen Concept Stores im Viertel. Zusammen mit Axel, einem Designer, und dem leider schon verstorbenen Hans-Georg von den Genusshandwerkern. Wir starteten unsere kleine Veranstaltungsreihe. Aperitivo. Als Start in den Freitagabend, als Start in das Wochenende. Es sollten in der Folge eine Reihe leicht – oder hier und da auch heftig – beschwingter Abende folgen.

Rom, Juli 2022 – ein Aperol Spritz für Mama

Rom, Juli 2022. Klirrende Sommerhitze liegt über der Stadt. Kilometer zu Fuß … Der Asphalt aufgeheizt. Die Straßen voll, laut. Dann unweit des Hotels die Sacripante Gallery. Bar, Fashion, Design, Art Gallery. Der perfekte Ort für einen Aperitivo. Der erste Aperol Spritz für meine Mama, damals Ende 70. Und dieses schöne Gefühl, nach einem langen, von touristischen Erlebnissen geprägten Tag im sommerlich heißen Rom endlich zur Ruhe zu kommen. Den kühleren Abend willkommen zu heißen. Den Moment zu spüren, in dem der Tag sich neigt, die Anspannungen abfallen – und Leichtigkeit eintritt.

Viele Orte, ein Gefühl

Ancona. Alassio. Roma. San Benedetto del Tronto. Milano. Como. Alba. Die Liste ließe sich endlos fortführen. Ich habe viele Aperitivo-Momente in Italien vor Augen. In der Fußgängerzone vor einer Bar sitzend, an der Theke, am Strand. So unterschiedlich die Locations auch waren, so unterschiedlich die Getränke, die kleinen Knabbereien. Mal aufwendig, mal ganz bodenständig.

Eines einte diese Momente dann doch: der Geist des Aperitivos. Den Abend leicht, locker, beschwingt zu beginnen. Musik im Hintergrund. Angeregte Gespräche, Fröhlichkeit, Lachen. Einfach das Leben genießen, den kommenden Abend umarmend – und die Gewissheit, dass es noch so viel Schönes bereithält. Wenn man sich nur darauf einlässt.

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